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Erschienen in LinuxUser 11/2002   »   Ausgabe bestellen

Das GNU/X11/Linux/Perl/FreeCiv-Betriebssystem

Liebe Leserinnen und Leser,

kennen Sie das GNU-Projekt? GNU (GNU is Not Unix, http://www.gnu.org/) ist ein Projekt der Free Software Foundation, das sich bereits 1984 zum Ziel gesetzt hat, ein freies, Unix-ähnliches Betriebssystem zu programmieren. Man fing damit an, kleine Unix-Tools zu schreiben, und mit der Zeit entstand ein komplexes System, das heute so wichtige Programme wie GCC (die GNU Compiler Collection; früher GNU C Compiler), den Editor Emacs, die C-Bibliothek glibc und die KDE-Alternative GNOME (auch hier steht das G für GNU) enthält.

Einen vollständigen Kernel, die Basis für ein Betriebssystem, erhielt das GNU-System aber erst sehr spät: Dieser Kernel ist GNU Hurd, und er ist auch heute noch nicht sehr weit in seiner Entwicklung fortgeschritten (auch wenn er sich booten und für experimentelle Zwecke einsetzen lässt). Das liegt unter anderem daran, dass vor etwas über zehn Jahren mit der Entwicklung von Linux begonnen wurde. Linux füllt die Lücke, die im GNU-System klaffte - wenn Sie heute mit einer Linux-Distribution arbeiten, sind neben dem eigentlichen Kernel (Linux) etliche Tools aus der Feder des GNU-Projektes, aber auch viele andere Komponenten aus dritter Hand (etwa das XFree86-System) im Einsatz.

Aus politischen Gründen bitten die GNU-Vertreter darum, das Gesamtsystem nicht einfach Linux, sondern "GNU/Linux" zu nennen, um den wichtigen Anteil der GNU-Komponenten bereits im Namen deutlich zu machen. Den meisten Anwendern ist ihr System aber nur als "Linux" bekannt, und auch wir verzichten auf die Namensergänzung.

Es gibt nun auf der GNU-Web-Seite ein GNU/Linux-FAQ (http://www.gnu.org/gnu/gnu-linux-faq.html), in dem eine Vielzahl von Fragen zur Thematik ausführlich behandelt werden. Dessen Lektüre war Anlass für dieses Editorial; der Titel stammt etwa von der im FAQ gegebenen Antwort auf die Frage, ob neben GNU nicht noch weitere Projekte, deren Arbeiten Teil der klassischen Linux-Distributionen sind, im Namen geführt werden müssten - dass ein Name "GNU/X11/Apache/Linux/TeX/Perl/Python/FreeCiv" einen gewissen Grad an Absurdität erreicht, ist den Autoren aufgefallen, sie wollen aber keinen Trennstrich ziehen und es jedem selbst überlassen, wieviele Projekte mit genannt werden.

Der Welt des Kommerzes stehen die GNU-Freunde äußerst ablehnend gegenüber. Über Distributionen, die kommerzielle, nicht-freie Software integrieren, schreiben sie im FAQ: "... recognize Lindows and so-called United Linux as perverted, adulterated versions of GNU", zu deutsch: Man möge diese Distributionen als pervertierte, verdorbene GNU-Version erkennen. Im gleichen Abschnitt werden auch Linux User Groups abgelehnt, die Anwendern beim Einsatz kommerzieller Software helfen oder gar dazu ermutigen.

Die Haltung des GNU-Projekts bzw. der FSF kann man am besten verstehen, wenn man "Freie Software" und "Open Source" einander gegenüber stellt. Freie Software hat eine politische, gesellschaftliche Dimension. Es geht um Kooperation (von Anwendern und Entwicklern) und Unabhängigkeit (von kommerziellen Software-Herstellern).

Das GNU-Projekt ist mit seinem Wunsch, Linux möge stets GNU/Linux genannt werden, nicht sehr erfolgreich - dabei sprechen viele Argumente dafür, ihren Wunsch zu beherzigen. Im LinuxUser (der nicht "GNU/LinuxUser" heißt) verwenden wir trotzdem einheitlich die Bezeichnung Linux, weil dieser Name sich durchgesetzt hat. "Credits" geben wir dem GNU-Projekt dennoch: Ohne das GNU-System würde es Linux in seiner heutigen Form nicht ansatzweise geben.

Hans-Georg Eßer
Chefredakteur

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