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Erschienen in LinuxUser 05/2003   »   Ausgabe bestellen

ThinkFree Office 2.1

Kaffee-Office

von Tim Schürmann 


Die amerikanische Firma ThinkFree schickt ihr gleichnamiges Office-Paket in die zweite Runde. Bei einem Test auf Herz und Nieren mussten die Java-Anwendungen beweisen, was sie wirklich leisten.

Als die Java-Technologie vor einigen Jahren auf den Markt kam, erlagen viele Software-Hersteller ihren Reizen. So läuft ein mit ihr geschriebenes Programm auf jedem Computer, für den eine Java-Umgebung zur Verfügung steht. Dies reduziert nicht nur die Entwicklungszeiten, sondern öffnet auch ganz neue Märkte. Insbesondere die Riege der Microsoft-Office-Konkurrenz witterte ihre Chance und begann, die eigenen Office-Pakete auf Java zu portieren. Dabei hatte man allerdings übersehen, dass Java-Programme prinzipbedingt mit großen Geschwindigkeitseinbußen zu kämpfen haben. Nachdem sich abzeichnete, dass die Hersteller dieses Problem nicht in den Griff bekamen, wurden die Projekte auf Eis gelegt und kurze Zeit später ganz gekippt.

Der kalifornische Hersteller ThinkFree hat jedoch an der Idee eines Java-basierten Office-Paketes festgehalten und präsentierte Mitte November bereits Version 2.1 seines kommerziellen ThinkFree Office. Als Mitte Februar wieder ein kleines Update anstand, nahmen wir das Paket in der Version 2.1.393 etwas näher unter die Lupe.

Installation

ThinkFree Office setzt eine bereits installierte Java-Laufzeit-Umgebung (JRE, Java Runtime Environment) in der Version 1.4.1 oder höher voraus. Am sichersten fährt, wer auf das mitgelieferte RPM-Paket von Sun zurückgreift. ThinkFree Office selbst kommt ebenfalls als RPM-Paket und begnügt sich nach dem Einspielen mit nur 35 MB Plattenplatz. Alternativ zur Installation über einen Paket-Manager existiert noch ein grafisches Installationsprogramm; im uns zur Verfügung stehenden Testpaket war es jedoch nicht enthalten.

Etwas wählerisch zeigt sich ThinkFree beim Betriebssystem: Red Hat 7.3 oder neuer ist sein bevorzugter Wirt. Zwar lief ThinkFree auch auf unserem SuSE-8.1-System ohne Probleme, auf eine automatische Einbindung in das KDE-Startmenü mussten wir jedoch verzichten.

Obwohl ThinkFree Office auf Java basiert, arbeitet es erstaunlich flott. Der Start der Textverarbeitung schlägt sogar die Zeiten seines StarOffice-Pendants. Die untersten Anforderungen sind ein Celeron 400 mit 64 MB Arbeitsspeicher: Damit ist vernünftiges Arbeiten gerade noch möglich. Beim Aufruf von Dialogfenstern sollte man sich dann aber schon auf kleinere Wartezeiten einstellen. Arbeitsspeicher kann das Paket nicht genug bekommen -- je mehr, desto besser.

Bedienung

Nach dem Start öffnet sich eine Kommandozentrale, über die die Textverarbeitung (ThinkFree Write), die Tabellenkalkulation (ThinkFree Calc), das Präsentationsprogramm (ThinkFree Show) und eine kleine Dateiverwaltung (ThinkFree Folders) gestartet werden.

Abb. 1: Die Kommandozentrale von ThinkFree Office, über die sämtliche Office-Komponenten gestartet werden

Eine Datenbank schickt der Hersteller nicht ins Rennen. Dafür bietet ThinkFree die Möglichkeit, Festplattenplatz auf einem Internet-Server zu mieten und diesen als zusätzliches "Laufwerk" unter ThinkFree Office zu nutzen. "Cyberdrive" nennt sich dieser Dienst, der ab 30 Dollar pro Jahr zu haben ist.

Die Bedienung orientiert sich ganz am Marktführer Microsoft Office aus der Windows-Welt. Aber auch wer bereits mit anderen Office-Paketen vertraut ist, sollte mit ThinkFree auf Anhieb zurecht kommen. Die Benutzeroberflächen der einzelnen Anwendungen sind schlicht und ohne Schnörkel. Weder eine tanzende Klammer, noch ein mit Symbolen überfrachtetes Fenster erwarten den Benutzer.

Die Hilfe im Windows-Stil ist äußerst knapp gehalten und erläutert lediglich einzelne Menüpunkte. Einen Hilfe-Assistenten gibt es nicht.

Obwohl Java dies durchaus unterstützt, arbeiten die einzelnen Anwendungskomponenten von ThinkFree nicht zusammen. Dies geht so weit, dass sich Daten nur über die Zwischenablage austauschen lassen. Ausschneiden und Einfügen von Text aus bzw. in eine andere Linux-Anwendung funktionierten ebenfalls nicht. So muss der Text immer erst umständlich als Datei gespeichert und anschließend in die jeweilige Anwendung importiert werden. Als kleine Wiedergutmachung erlaubt die Textverarbeitung das bequeme Einbinden von Java Applets und JavaScript. Entwickler von Internet-Seiten werden sich freuen.

Abb. 2: Die Textverarbeitung von ThinkFree Office

Bei der Schriftverwaltung greift ThinkFree Office auf das Verwaltungssystem von Java zurück. Letzteres bedient sich leider nicht bei den installierten System-Schriftarten, so dass weitere per Hand nachinstalliert werden müssen. Die wenigen beigelegten Schriftarten beschränken sich auf das Nötigste.

Die Textverarbeitung

Auf den ersten Blick macht die Textverarbeitung einen soliden Eindruck. Bei der täglichen Arbeit vermisst man jedoch schnell die eine oder andere Funktion. Bei der Wahl eines neuen Dokumentes existieren keinerlei Vorlagen -- diese unterstützt übrigens keine der drei ThinkFree-Anwendungen. Die einzigen beiden fest eingebauten Typen "Dokument" und "Web-Dokument" unterscheiden sich nicht voneinander.

Des Weiteren vermissen wir neben Eingabehilfen, die über die automatische Erkennung und Formatierung eines Internet-Links hinaus gehen, auch einen Thesaurus und die Silbentrennung. Ebenfalls wünschenswert wäre eine Rechtschreibkorrektur im Hintergrund, wie sie in anderen Programmen längst üblich ist.

Das Einbinden von Bildern gelingt nur unverändert: Selbst einfache Bildmanipulationen, wie Drehen oder Spiegeln muss eine externe Bildbearbeitung übernehmen. Lediglich eine Anpassung der Größe, Dehnen und Stauchen sind möglich. Auch ein Textumfluss kann nicht definiert werden. Offenbar behandelt ThinkFree Bilder ähnlich wie Textzeichen. Wer z. B. Buchstaben über einer Grafik plazieren möchte, geht leer aus. Dafür lässt sich eine Imagemap komfortabel anlegen: Hierzu zieht man mit der Maus einen Rahmen um die gewünschten Regionen auf, der anschließend mit einer Internet-Adresse verknüpft wird.

Auch bei der Anzeige von Bildern zeigte sich ThinkFree nicht ganz problemfrei: In einigen Fällen war die Darstellung nicht korrekt, in anderen fehlten die Bilder plötzlich ganz. Grafische Elemente wie einfache Rechtecke oder Kreise werden nicht angeboten. Immerhin darf sich der Benutzer ein paar bunte Pfeile aus der gut bestückten ClipArts-Sammlung aussuchen.

Die mageren Formatierungsfunktionen machen auch vor den Zeichen nicht halt. Bunte Logos oder aufwendig gestaltete Titelzeilen sind nicht möglich. Immerhin lassen sich die Buchstaben nebst ihrem Hintergrund einfärben und mit einem Rahmen versehen -- eine solche Formatierung erstreckt sich allerdings stets über die gesamte Breite einer Zeile.

Abb. 3: Der Stylist speichert Formatierungen, die sich später einfach wieder abrufen lassen. Einige der Formatierungen (z. B. der gelbe Hintergrund) beziehen sich immer nur auf die komplette Zeile

Die Mängelliste lässt sich noch fortsetzen: Fußnoten nebst Kopf- und Fußzeilen glänzen durch komplette Abwesenheit, und mehrere Spalten müssen umständlich mit den minimalistischen Tabellenfunktionen oder Tabulatoren simuliert werden. Letztere existieren nicht in mehreren Typen, so dass Text an ihnen zwangsweise linksbündig ausgerichtet wird.

Eine interessante Funktion haben wir dann doch noch entdeckt: Unter dem Menüpunkt "Frames" lassen sich die Dokumentenfenster in mehrere Teile aufsplitten und so verschiedene Dokumente oder Teilbereiche gleichzeitig einsehen. Gerade bei großen Dateien kann die Arbeit so erleichtert werden. Als kleines Schmankerl können diese Fenster als HTML-Frameset exportiert werden.

Während der gesamten Arbeit mit Write hat man das Gefühl, eher einen Internet-Seiten-Editor als eine Textverarbeitung vor sich zu haben. So bieten viele Dialoge an, HTML-spezifische Attribute einzustellen oder zusätzliche "Tags" (HTML-Befehle) mit anzugeben. Dies erklärt auch, warum Write bei Serienbriefen, Inhaltsverzeichnissen oder Formeln passen muss. Alles, was über einfache Dokumente hinaus geht, ist nicht sein Ding.

Tabellenkalkulation

Im Vergleich zur Textverarbeitung ist die Tabellenkalkulation ThinkFree Calc etwas besser ausgestattet, kann aber nicht mit dem Konkurrenten aus StarOffice mithalten. So fehlen insbesondere Funktionen, die beim Auswerten und Ausfüllen großer Tabellen helfen. Zudem stören auch hier immer wieder kleinere Unzulänglichkeiten: So existieren bei den Datumsformatierungen ausschließlich amerikanische Darstellungsformen. Eigene Formate lassen sich nur über den Typ "Custom" definieren.

Abb. 4: Die Tabellenkalkulation ThinkFree Calc in Aktion -- unterhalb der Tabelle wurde ein Diagramm eingefügt

Der Funktionsassistent sollte dem Benutzer beim Erstellen von komplexen Bedingungen und Formeln hilfreich zu Seite stehen. In Calc ist er in der Praxis unbrauchbar, da er lediglich die vorhandenen Funktionen nach Kategorien ordnet. Eine Möglichkeit, mehr als eine Funktion anzuwenden, fehlt ebenso wie eine Beschreibung der jeweils ausgewählten Funktion. Letztere findet sich nur in der Online-Hilfe, die man aber bei geöffnetem Assistenten nicht benutzen kann. Zu allem Überfluss tauchen einige der angebotenen Formeln gar nicht erst in der Hilfe auf oder sind dort ausgeschwärzt (siehe Abbildung 5).

Abb. 5: Die Hilfe von Thinkfree ist ziemlich wortkarg und erklärt nicht alle Funktionen, wie hier an den ausgeschwärzten Punkten zu erkennen ist

Fröhlicher stimmen da schon der gut ausgestattete Diagrammassistent und die Möglichkeit, auch beliebige, nicht zusammenhängende Zellen zu markieren. ThinkFree Calc ist übrigens die einzige Komponente des Office-Pakets, die das Anlegen von Kopf- und Fußzeilen auf dem Ausdruck erlaubt.

Präsentationsprogramm

Anstelle von Vorlagen muss man bei ThinkFree Show mit den etwas gut versteckten "Design Templates" vorlieb nehmen. Wie der Name bereits andeutet, handelt es sich um Stile, die auf eine bestehende Präsentation angewendet werden können. Bei den vordefinierten Dia-Layouts existieren ebenfalls nur magere sechs Typen.

Ansonsten ist Show ein solides Präsentationsprogramm. Die zur Verfügung stehenden grafischen Symbole und Verbindungslinien sind reichhaltig, eine Master-Folie kann angelegt werden, und die Animationen sollten alle Standardsituationen abdecken.

Abb. 6: Der Hintergrund dieser ThinkFree-Show-Präsentation ist eines der mitgelieferten Design Templates

Die Tücken stecken aber auch hier im Detail: So wäre eine Gliederungsansicht wünschenswert, und die Anwendungsmöglichkeiten der Animationen könnten etwas besser sein. Letztere lassen sich immer nur auf ein komplettes Objekt anwenden -- das zeilenweise Einblenden einer Gliederung scheidet somit aus. Überblendungen von einem Dia zum anderen werden nicht unterstützt.

Wer Multimedia- oder interaktive Elemente einbinden möchte, geht leer aus. Auch die Weitergabe einer mit Show erstellten Präsentation ist problematisch: Weder lässt sich eine selbst ablaufende Präsentation erzeugen, noch steht ein externer Player zur Verfügung. Schließlich hatte ThinkFree Show noch kleinere Probleme mit der korrekten Anzeige von Bildern während der Vorführung.

Import

Als Eingabeformate versteht ThinkFree Office lediglich die der Microsoft-Office-Produkte, HTML, einfache ASCII-Dateien und sein eigenes Format. Beim Import einer Word-Testdatei werden wir von ThinkFree bereits vorgewarnt, dass nicht alle Elemente konvertiert werden können. Das Ergebnis ist allerdings recht passabel -- sieht man einmal von fehlenden oder zerstörten Grafiken und den von Haus aus nicht unterstützten Elementen ab. Bei den anderen beiden Anwendungen des Pakets sieht die Sache ähnlich aus. ThinkFree Show übernimmt sogar einige Animationen einer PowerPoint-Präsentation. Interessanterweise sind die Microsoft-Formate als Standardspeicherformate eingestellt.

Abb. 7: Der Importfilter verschluckt sich an fast allen Grafiken

Beim Import von HTML-Dokumenten leistet sich ThinkFree weniger Patzer. Die Ergebnisse gehören mit zu den besten, die Textverarbeitungen derzeit zu bieten haben -- auch wenn sie vom wünschenswerten Ideal noch abweichen.

Fazit

ThinkFree Office ist ein kleines, solides Office-Paket. Während unserer Tests konnten wir keinen einzigen Absturz provozieren. Pfiffige Highlights, die das Paket von der Konkurrenz abheben, sucht man jedoch vergebens. Zudem bleibt der Funktionsumfang weit hinter dem kostenlosen OpenOffice zurück. Insbesondere die Textverarbeitung bedarf einer dringenden Nachbesserung. Die Tabellenkalkulation Calc und das Präsentationsmodul Show gefallen schon besser, erreichen aber ebenfalls nicht das Niveau des Linux-Marktführers. Interessant könnte ThinkFree somit allenfalls für den Datenaustausch in heterogenen Umgebungen oder Netzwerken werden. Im Moment bietet der Hersteller Pakete für Windows, Linux und MacOS X ab einem Preis von 50 Dollar auf seiner Homepage, http://www.thinkfree.com, an [1]. (hge)

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